Nahaufnahme: Zwei junge Hände halten zwei faltige alte Hände.
#Gesehen #2025 #Mitarbeiterorientierung Juli 2025

Zwischen Büro und Betreuung

Wie Work-Life-Balance trotz erschwerten Bedingungen gelingen kann

Wenn Eltern älter werden und Unterstützung brauchen, stehen berufstätige Kinder vor einer großen Herausforderung. Barbara Rudolph hat als Führungskraft einen Weg gefunden, Arbeit und Privatleben unter einen Hut zu bringen – dank eines Arbeitgebers, der Lebensrealitäten ernst nimmt und Freiräume schafft.

Es ist 16 Uhr an einem Donnerstagnachmittag. Während ihre Kolleginnen und Kollegen noch in Besprechungen sitzen, fährt Barbara Rudolph ihren Computer runter. Nicht etwa, weil ihr Arbeitstag früher endet, sondern weil heute ein Arzttermin mit ihrer 87-jährigen Mutter ansteht. Als Bereichsleiterin Zentralfunktionen und Prokuristin bei den Stadtwerken Hanau trägt die 63-Jährige Verantwortung für Controlling, Personalwesen, Rechtsabteilung und Finanzbuchhaltung. Gleichzeitig kümmert sie sich aber auch um ihre beiden hochbetagten Eltern im Odenwald. Eine Doppelrolle, die in der Arbeitswelt viel öfter vorkommt, als darüber gesprochen wird – und die zeigt, wie moderne Führung aussehen kann.

Barbara Rudolph sitzt vor ihrem Laptop an einem Konferenztisch und schaut lächelnd in die Kamera.
»Sie waren immer für mich da und haben mir so viele Dinge ermöglicht. Ich gebe ihnen jetzt zurück, was sie mir gegeben haben.«

Von Energiekonzernen zu nachhaltigen Werten.

Von außen betrachtet war Barbara Rudolphs Weg in die Führungsposition sehr geradlinig, auch wenn es sich für sie anders angefühlt hat. So begann sie nach ihrem BWL-Studium in einem Traineeprogramm bei der AEG, durchlief verschiedene Positionen im Controlling und war später in Leitungsfunktionen diverser Unternehmensbereiche der AEG und – aufgrund von Unternehmensverkäufen – auch deren Nachfolgeunternehmen tätig. Im Rahmen dieser Entwicklung bekam sie unter anderem die Chance, den ersten Offshore-Windpark in der Nordsee kaufmännisch zu verantworten und zu betreuen. Eine für sie sehr spannende Lebensphase, auf die sie gerne zurückblickt.

Als ihr damaliger Arbeitgeber dann aber entschied, sich aus dem Bereich der regenerativen Energien zurückzuziehen und auf Atomenergie zu fokussieren, beschloss Rudolph, sich neu auszurichten. „Im Umfeld der Erneuerbaren Energien tätig zu sein, fand ich schon bereichernd“, erzählt sie. 2016 kam sie so zu den Stadtwerken Hanau – und fand ein Unternehmen vor, das sowohl ihre fachlichen als auch ihre menschlichen Werte teilt.

Nahaufnahme: Ein Post-it-Zettel mit der Aufschrift "Arzttermin 17.00" liegt neben einer Kaffeetasse und einem Stift auf einem Tisch.
Barbara Rudolph sitzt auf einem Bürostuhl, dem Rücken zur Kamera, zur Flipchart gedreht und zeigt mit der Hand auf eine Karte.

Wenn sich die Eltern-Kind-Rollen plötzlich verändern.

Zu diesem Zeitpunkt konnte sie sich noch vollständig auf ihre Führungsrolle konzentrieren. Der stete Übergang hin zum Betreuungsbedarf der Eltern kam aber recht schnell. „Bis zu ihrem 80. Lebensjahr, das war meine Anfangszeit bei den Stadtwerken, waren sie allein noch recht gut klargekommen. Dann aber wurde das große Haus zur Herausforderung, der anspruchsvolle Garten zu beschwerlich, die Fahrten zu den Ärzten in der ländlichen Gegend immer schwieriger. „Irgendwann habe ich dann gemerkt: Es geht so nicht mehr, ich muss mich mehr kümmern.“

Heute ist Rudolphs Alltag geprägt von einer Doppelverantwortung. Sie erledigt nahezu alle Einkäufe für ihre 87 und 91 Jahre alten Eltern, begleitet sie zu allen wichtigen Arztterminen und kümmert sich um den Garten. Eine Aufgabe, die sie mit gemischten Gefühlen erfüllt. Einerseits sieht sie es als Akt der Dankbarkeit ihren Eltern gegenüber: „Sie waren immer für mich da und haben mir so viele Dinge ermöglicht. Ich gebe ihnen jetzt zurück, was sie mir gegeben haben.“

Auf der anderen Seite weiß sie aber auch, dass sie sich auch in der Rolle der pflichtbewussten Tochter verlieren kann. Vor allem vor dem Hintergrund, dass sie durch die Betreuung mit ansehen muss, wie ihre Eltern immer unselbstständiger werden. „Das tut natürlich weh und da fühlt man sich per se sehr schnell in einem Ich-muss-Modus.“ Herausfordernd ist insbesondere auch, immer für ihre Eltern mitzudenken – eine mentale Belastung, die sich zu den ohnehin anspruchsvollen Führungsaufgaben gesellt.

Unterstützung bei den Stadtwerken Hanau:

Flexible Arbeitszeiten durch Gleitzeitsystem

Betriebsvereinbarung für mobiles Arbeiten

Bei Bedarf individuelle Lösungen

Vertrauenskultur statt starrer Regeln

Flexibilität als Schlüssel zum Erfolg.

Wie also kann eine verantwortungsvolle Führungsposition mit eben dieser Betreuung oder gar Pflege von Angehörigen unter einen Hut gebracht werden? Für Rudolph liegt die Antwort in der Flexibilität, die ihr die Stadtwerke ermöglichen. Sie beschreibt ihren Alltag pragmatisch: „Ich versuche permanent, die Bälle in der Luft zu halten. Die Arzttermine meiner Eltern lege ich in den frühen Morgen oder späten Abend, vor oder nach meiner Büroarbeit – das ist mein derzeitiger Balanceakt.“ Besonders dankbar zeigt sie sich deshalb für das Verständnis von Geschäftsführerin Martina Butz: „Ich erfahre ausnahmslos eine Offenheit, die mir ermöglicht, flexibel zu agieren.“ Die durch Corona etablierten Regelungen für mobiles Arbeiten spielen dabei eine entscheidende Rolle. „Das hat sicherlich vieles vereinfacht – nicht nur für mich, sondern für alle Kolleginnen und Kollegen mit Büroarbeitsplätzen.“

Eine Kultur des Vertrauens.

Die Stadtwerke Hanau haben für das mobile Arbeiten eine eigene Betriebsvereinbarung entwickelt. Rudolph beschreibt die Unternehmenskultur mit spürbarer Wertschätzung: „Wir sind sehr offen, solange klar ist, dass die Aufgaben erledigt werden und der Beruf eine gewisse Priorität genießt. Es ist ein gegenseitiges Geben und Nehmen.“ Und dann fügt sie einen entscheidenden Punkt hinzu: „Man weiß ja, dass wenn die private Belastung weg ist, das volle Engagement kommt.“ Diese Offenheit spiegelt sich auch im Umgang mit anderen Lebenssituationen wider. Wenn eine Kollegin vor ihr sitzt, deren Kind krank ist, ist für Rudolph klar: Der Freiraum ist da, das Vertrauen auch. „Die Aufgaben werden erledigt“, betont sie. Es gehe um Verlässlichkeit, nicht um physische Präsenz.

Trotz aller Flexibilität gibt es auch schwierige Phasen: „Es gibt natürlich immer mal berufliche Peaks, die mich sehr beanspruchen – beim Jahresabschluss oder wenn eine Abteilung außerplanmäßig ohne direkte Führungskraft ist. In diesen Zeiten stelle ich mir dann schon manchmal die Frage: Packe ich das noch?“ Die Antwort lautet bislang: Ja. Allerdings hat sich ihr Privatleben verändert. „Ich bin seltener unterwegs, verreise weniger und auch für meine Beziehung bleibt weniger Zeit. An den Wochenenden brauche ich mehr Auszeiten, vor allem, wenn ich tagsüber im Einsatz für meine Eltern zum Beispiel den Rasen gemäht und die Hecken geschnitten habe.“

Barbara Rudolph am Konferenztisch gestikulierend im Gespräch mit einem Mitarbeiter, der im Vordergrund von hinten unscharf zu erkennen ist.
5 Millionen

Menschen in Deutschland pflegen Angehörige – viele davon berufstätig

Die meisten

Vereinbarkeitsmodelle richten sich an Eltern – pflegende Angehörige werden selten mitgedacht

Jede dritte

pflegende Person ist unter 60 Jahre alt – oft mitten im Berufsleben

Nachhaltigkeit neu gedacht.

Für Barbara Rudolph hat ihre eigene Geschichte auch eine nachhaltige Dimension. Nachhaltigkeit liege ihr sehr am Herzen, betont sie. „So wie wir lernen müssen, besser mit den Ressourcen unserer Erde umzugehen, würde ich das auch auf soziale Ressourcen münzen. Junge, alte, pflegebedürftige, gehandicapte Menschen – sie alle gehören dazu und prägen unsere Gesellschaft mit.“ Entsprechend wichtig sei es, ein Umfeld zu schaffen, in dem Menschen andere unterstützen können.

Was Rudolph vorlebt, strahlt auf ihr Team aus. Auf die Frage, wie sie als Führungskraft zu mehr Verständnis beitragen möchte, antwortet sie schlicht: „Ich lebe es vor und trage es so weiter.“ Ihre Geschichte macht deutlich: Führung und Fürsorge schließen sich nicht aus – im Gegenteil. Sie können zu einer menschlicheren, nachhaltigeren Arbeitskultur beitragen. „Wichtig ist Verständnis, Rücksicht und Vertrauen in beide Richtungen“, fasst sie die Erfolgsfaktoren zusammen. „Das Unternehmen bietet den Rahmen, aber es hängt auch von den Führungskräften und den Mitarbeitenden selbst ab. Ohne Empathie und Fingerspitzengefühl geht es nicht.“

»So wie wir lernen müssen, besser mit den Ressourcen unserer Erde umzugehen, würde ich das auch auf soziale Ressourcen münzen.«
Barbara Rudolph sitzt vor ihrem Laptop an einem Konferenztisch und schaut lächelnd aus dem Fenster.

Ein Blick in die Zukunft.

Auf die Frage, worauf sie heute stolz sei, antwortet Rudolph: „Ich empfinde eher Dankbarkeit als Stolz. Ich hatte mein Leben immer gut im Griff und bin finanziell unabhängig – das ist eine angenehme Situation.“ Für die Zukunft wünscht sie sich vor allem Gesundheit und die Möglichkeit, bei den Stadtwerken noch einiges vor dem nahenden Ruhestand mitgestalten zu können. Ihre Geschichte zeigt: Die Arbeitswelt kann und muss sich weiterentwickeln, um den Realitäten des Lebens gerecht zu werden. Denn hinter jeder Führungskraft steht ein Mensch – mit Verantwortungen, Sorgen und der Fähigkeit, Arbeit und Privatleben gleichermaßen zu meistern, wenn die Rahmenbedingungen stimmen.

Soziale Nachhaltigkeit in der Praxis

Langfristig denken
heißt, Menschen gesund und motiviert halten

Lebensrealitäten anerkennen
und entsprechend verschiedene Lebensphasen mitdenken

Gleichstellung
über klassische Familienphasen wie die Elternzeit hinaus erweitern 

Ressourcen schonen
und erfahrene Fach- und Führungskräfte im Unternehmen halten

Heißt:
eine Arbeitskultur schaffen, die Menschen in allen Lebenssituationen unterstützt und damit zukunftsfähig bleibt

Ende der Geschichte

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