Die Försterin Sigrun Brell mit ihrem Hund auf einer Lichtung im Wald in die Ferne blickend, die linke Hand auf einem Zaunpfahl liegend.
#Geschützt #2025 #Klima- und Umweltschutz #Partnerschaft Juli 2025

Langfristig denken – kurzfristig handeln

Wie wir heute den Wald von morgen retten

Ein spannender Einblick in unser Projekt „Hanauer Morgen-Wald“ und die Herausforderungen des Klimawandels: im Gespräch mit Försterin Sigrun Brell.

Der Klimawandel verändert unsere Wälder fundamental. Zunehmende Wetterextreme wie anhaltende Trockenheit und biotische Ursachen wie Borkenkäferbefälle setzen den heimischen Baumbeständen zu. Zugleich kommt dem Wald seit jeher eine herausragende Bedeutung zu: zum Beispiel als CO₂-Speicher, Wasserreservoir und Lebensraum. Doch wie müssen die Wälder der Zukunft gestaltet werden, um den aktuellen und künftigen Herausforderungen gewachsen zu sein? Wir sprachen mit Försterin Sigrun Brell vom Forstamt Hanau-Wolfgang über unser gemeinsames Aufforstungsprojekt „Hanauer Morgen-Wald“ und darüber, warum eine Kooperation zwischen uns als Energieversorger und der Forstwirtschaft sinnvoll und zukunftsweisend ist.

Frau Brell, Sie betreuen das Aufforstungsprojekt „Hanauer Morgen-Wald“, das wir 2020 gemeinsam gestartet haben. Können Sie uns kurz erklären, welche Aufgaben Sie dabei konkret übernehmen?
„Ich teile mir meine Aufgaben mit meinem Kollegen, dem zuständigen Förster: Während ich die die Kooperation mit den Stadtwerken betreue und die Verträge gestalte, übernimmt er sozusagen die Bauleitung: Er besorgt die Setzlinge, koordiniert die Bepflanzung, zäunt die aufzuforstenden Areale ein, um sie vor Wildtieren zu schützen und kontrolliert, ob die Bäumchen anwachsen. Bei Bedarf wird dann nachgebessert. Das passiert meist im Herbst, wenn mehr Niederschläge kommen. Ich selbst bin auch von Beruf Försterin, weshalb ich bei den Aufforstungen immer gerne vor Ort bin und mir im Lauf der Zeit auch immer wieder den Zustand des Jungwalds anschaue.“

Nahaufnahme: Schulter, Hinterkopf und Hand von Försterin Sigrun Brell im hochgekrempelten Pulli, die die Rinde eines Baumes berührt.
»Die Stadtwerke als Wasserversorger haben ein konkretes Interesse an der Erhaltung des Waldes: Wald ist der beste Garant für sauberes Trinkwasser.«
Das Schild des "Hanauer Morgen-Waldes" der Stadtwerke Hanau im Wald.

Was verbindet Ihrer Ansicht nach ein Energieversorgungsunternehmen mit der Forstwirtschaft?
„Hier treffen sich verschiedene Interessen zu einer echten Win-win-win-Situation. Durch die Trockenheit sterben unsere Wälder großflächig und in hohem Tempo ab. Wir sind daher froh über jede Unterstützung bei der Erhaltung des Waldes. Die Stadtwerke als Wasserversorger haben natürlich auch ein konkretes Interesse: Wald ist der beste Garant für sauberes Trinkwasser. Regenwasser sickert durch den Waldboden, wird dort auf natürliche Art gefiltert und gesäubert. Im Gegensatz zur Landwirtschaft ist der Wald sehr unbelastet von Düngemitteln und Pestiziden – das neue Grundwasser kann hervorragend als Trinkwasser genutzt werden. Außerdem hat der Wald eine viel geringere Verdunstungsrate als offene Flächen, es wird also mehr Grundwasser gebildet. Und das dritte Win geht natürlich an alle Menschen unserer Heimat: Der Naherholungswald bleibt erhalten. Er ist kühler im Sommer und wärmer im Winter im Vergleich zu den Freiflächen – und dadurch ein wunderbarer Ort zum Krafttanken.“

Sie haben gerade die großflächigen Waldschäden angesprochen. Wie dramatisch ist die Situation wirklich?
„Ich habe den Wald noch nie in einem so besorgniserregenden Zustand gesehen. Zwar haben wir nach dem Dürrejahr 2018 befürchtet, dass wir Probleme bekommen würden – aber das Ausmaß und die Geschwindigkeit, mit der die Schäden fortschreiten, überrascht uns dennoch. Wir tun alles dafür, den Wald zu erhalten und schnellstmöglich klimastabil in Mischwälder umzuwandeln, aber das bringt uns an unsere Kapazitätsgrenzen.“

Nahaufnahme: Zwei Hände halten die Blätter eines Baum-Babys in der Hand, die durch ein Schutzgitter aus Holz ragen.
Die Försterin Sigrun Brell betastet die Rinde eines Baumes und schaut lächelnd in dessen Krone.
Drohnenaufnahme: Die Försterin Sigrun Brell läuft zwischen den Baumbabys.
Die Försterin Sigrun Brell hockt im Bald an einem der mit einem Holzgitter geschützten Baum-Babys und fasst desse Blätter an.
Nahaufnahme: zwei kleine Baumbabys ungeschützt im Wald.

Beim Hanauer Morgen-Wald haben Sie bewusst auf einen Mischwald mit Eiche, Bergahorn und Esskastanie gesetzt. Warum diese Kombination?
„Wir legen keine Monokulturen mehr an, weil sie extrem anfällig sind. Wenn sich ein Insekt massenvermehrt und auf eine Baumart spezialisiert ist, kann der ganze Bestand vernichtet werden. Deshalb bauen wir seit den 80er Jahren unsere Wälder systematisch in Mischwälder um. Die Baumartenauswahl erfolgt nach wissenschaftlichen Modellen, die in verschiedenen Szenarien den Klimawandel berücksichtigen: Welche Baumarten werden 2070 mit der Trockenheit und den Temperaturen zurechtkommen? Eiche und Esskastanie sind wärmeliebende Bäume, denen höhere Temperaturen nicht viel ausmachen. Der Bergahorn mag es zwar nicht ganz so warm, bildet aber eine Art Puffer – er deckt das Unkalkulierbare ab, falls das Klima doch anders wird als erwartet.“

Das klingt nach einem sehr langfristigen Denken ...
„Genau das ist das Spannende und gleichzeitig Herausfordernde an der Forstwirtschaft: Wir müssen 100 Jahre und mehr in die Zukunft denken. Eine Eiche wird erst nach 180 Jahren gefällt. Was wir heute pflanzen, ist für unsere Enkel und Urenkel gedacht. Umgekehrt ernten wir heute Holz, das unsere Vorvorgänger vor mehreren Generationen gepflanzt haben.“

Vom Setzling zum erntereifen Baum

Eiche: 180 Jahre bis zur Hiebsreife

Buche: ab 140 Jahren nutzbar 

Fichte: 80 Jahre bis zur Fällung 

Durchforstung: nach 20 bis 40 Jahren werden Bäume zum ersten Mal ausgelichtet, damit die verbleibenden mehr Platz haben, um ihre Kronen auszubilden, dieser Vorgang wird ca. alle 3 bis 5 Jahre wiederholt 

Langzeitperspektive: von 1.000 gepflanzten Setzlingen stehen nach 180 Jahren etwa 10 bis 15 ausgewachsene Bäume

Mehrere Erwachsene bearbeiten bei Sonnenschein in Wintermontur im Wald mit Schaufeln den Boden.
Eine Gruppe von Erwachsenen mit Kindern in einem Winterwald. Alle haben eine Schaufel in der Hand und hören einem gestikulierenden Mann zu.
Zwei behandschuhte Hände setzen einen Baumsetzling in ein vorgegrabenes Loch.

Wie lief beziehungsweise läuft die praktische Zusammenarbeit mit den Stadtwerken ab?
„Die Stadtwerke haben ihre Mitarbeitenden in einer Teamaktion selbst mitpflanzen lassen – mit einem unserer Forstwirtschaftsmeister, der alle eingewiesen hat. Das war ein sehr schöner Tag inklusive Imbiss für alle fleißigen Helfenden. Was ich dabei sehr mochte und auch jedes Mal aufs Neue mag, ist die ehrliche Freude bei allen Teilnehmenden, wenn sie spüren, dass sie gemeinsam etwas Wichtiges für die Zukunft der nachfolgenden Generationen und für ihre Region tun. Das ist sinnstiftende Arbeit, die sogar draußen anstatt am Schreibtisch stattfindet. Ja, und dann haben wir noch ein zweites gemeinsames Projekt: Die Stadtwerke verschenken unter anderem an alle ihre Mitarbeitenden symbolisch Bäume. Hierfür benennen wir den Stadtwerken jedes Jahr eine neue Fläche und geben die Koordinaten weiter. Pro gepflanzten Baum gibt es eine Urkunde. Der Beschenkte besitzt dann also ideell einen Baum im heimischen Wald. Das schafft eine dauerhafte Bindung.“

Der Hanauer Morgen-Wald ist ja noch sehr jung. Wie geht es weiter?
„Die Pflege ist entscheidend. Wenn die Bäumchen gepflanzt werden, sind sie erst 50 bis 80 Zentimeter groß. Da der Wald ein natürlicher Ort ist, wachsen dort dann auch entsprechend viele Beikräuter. Vor allem Brombeeren können für die Babybäume sehr gefährlich werden: Sie legen sich mit ihren langen Ranken über die Bäumchen und ziehen sie gen Boden. Deshalb müssen wir den jungen Wald regelmäßig freischneiden. Dabei entfernen wir auch unerwünschte und invasive Bäume wie den Götterbaum oder die spätblühende Traubenkirsche. Diese Pflegeaktionen sind zum Beispiel auch Teil unserer Kooperation, indem die Stadtwerke diese mitfinanzieren. Das wiederum ist ein elementarer Kern der Nachhaltigkeit: Man pflanzt nicht einfach nur an, sondern kümmert sich auch langfristig darum, dass die Baumkinder gedeihen können.“

Welche langfristigen Ziele verfolgen Sie mit dem Hanauer Morgen-Wald?
„Unser Ziel ist es, einen stabilen Mischwald entstehen zu lassen, der alle Funktionen des Waldes wahrnimmt: Klimaschutz, Wasserschutz, Lärmschutz, Naturschutz und die Lieferung des Rohstoffs Holz. Wichtig ist auch die Vernetzung mit den umliegenden Wäldern – der Morgen-Wald soll Teil eines großen, zusammenhängenden Waldgebiets werden.“

Die Funktionen des Waldes

Temperatur-regulierung:

Der Wald hat einen kühlenden Effekt nicht nur auf die Atmosphäre, sondern ganz konkret auf die Region, in der er wächst

Wasserschutz:

Waldboden filtert und reinigt das Regenwasser zu hochwertigem Trinkwasser, außerdem vermindert er Hochwasserspitzen und schützt dadurch die Siedlungen durch die Aufnahme von sehr viel Wasser

Regenmacher:

Wälder fördern Wolkenbildung und Niederschlag durch Verdunstung, gleichzeitig leiten sie das Regenwasser in den Waldboden, der das Wasser filtert und speichert

Klimaschutz:

Ein Hektar Wald bindet jährlich etwa 10 Tonnen CO₂

Naturschutz:

Lebensraum für tausende Tier- und Pflanzenarten

Bodenschutz:

Wälder sind wichtig für den Erhalt eines fruchtbaren Bodens

Lärmschutz:

Bäume dämpfen Verkehrslärm um bis zu 10 Dezibel

Rohstofflieferant:

Nachhaltiger, nachwachsender und klimaneutraler Baustoff Holz

Erholung:

Gesundheitsfördernde Wirkung für den Menschen

Was bedeutet Ihnen dieses Projekt persönlich?
„Der Morgen-Wald ist ein großartiges und wichtiges Statement unseres örtlichen Energie- und Wasserversorgers zur Nachhaltigkeit und zum heimischen Wald. Er mag nur als ein kleiner Teil des großen Ganzen erscheinen, dennoch gilt: Jedes einzelne Projekt ist wertvoll, so winzig es auch sein mag. Schließlich engagieren wir uns so für die nachfolgende Generation. Als Förster fühlen wir uns manchmal sehr allein bei der Frage, was wir unseren Kindern für eine Welt hinterlassen werden. Wenn wir spüren, dass sich auch andere für den Wald engagieren, ist das sicherlich ein verbindendes Gefühl.“

Was wünschen Sie sich für die Zukunft der Hanauer Wälder?
„Dass mehr Menschen verstehen, dass wir den Wald nicht für selbstverständlich nehmen dürfen. Dass der Hanauer Morgen-Wald jeden angeht. Jeder kann sich Gedanken machen und sich vielleicht sogar motivieren, selbst aktiv zu werden. Wie gesagt: Jeder kleine Beitrag zählt im Kampf um die Zukunft unserer Wälder.“

Die Försterin Sigrun Brell betrachtet lächelnd und mit verschränkten Armen eine Baumkrone im Wald.

Der Hanauer Morgen-Wald: eine kleine Erfolgsgeschichte der Nachhaltigkeit

Die Entstehung: 
2020 startete die Kooperation zwischen den Stadtwerken Hanau und dem Forstamt Hanau-Wolfgang mit der ersten Aufforstung einer 2.100 Quadratmeter großen Fläche im Wolfgänger Forst. 1.000 Baumsetzlinge der klimaresistenten Arten Esskastanie, Bergahorn und Stieleiche wurden gepflanzt.

Die Fortsetzung:
2022 wurde das Projekt erweitert: Weitere 2.500 Eichensetzlinge kamen im Gebiet Neuwirtshaus, nahe dem Naturparkplatz, hinzu.

Die Finanzierung:
Pro verkaufter Kilowattstunde Ökostrom und Ökogas investieren die Stadtwerke 0,025 Cent in lokale Klimaschutzprojekte wie den Morgen-Wald.

Die Anerkennung:
Oberbürgermeister Claus Kaminsky lobte das Engagement als beispielhaft: „Als Klimaschützer gehen unsere Stadtwerke vorbildlich voran und erweitern ständig ihre Anstrengungen für mehr Nachhaltigkeit.“

Die Symbolik:
Der Name „Morgen-Wald“ steht für langfristiges Denken: „Weil wir heute schon an morgen denken“, so das Motto der Stadtwerke. Die gepflanzten Bäume werden erst in 100 bis 180 Jahren ihre volle Größe und Klimaschutzwirkung entfalten.

Die Pflege:
Nachhaltigkeit endet nicht mit der Aufforstung. Die Stadtwerke finanzieren auch die mehrjährige Pflege der jungen Bäume, damit diese optimal gedeihen können.

Ende der Geschichte

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