Im Gespräch mit der künftigen Bürgermeisterin Isabelle Hemsley
Digitalisierung – eine Frage von Haltung
Mit 36 Jahren gehört Isabelle Hemsley zu einer jüngeren Generation kommunaler Politikerinnen. Ab 1. Oktober 2026 ist sie hauptamtliche Bürgermeisterin in Hanau. Zentrale Zukunftsthemen wie Digitalisierung, Mobilität und Infrastruktur fielen bereits in ihrer Zeit als Stadträtin in ihre Zuständigkeit und werden auch weiterhin von ihr verantwortet. Wir haben mit ihr darüber gesprochen, wie Hanau mit stadtwandel.digital den Weg in die Zukunft gestaltet, welche Rolle Künstliche Intelligenz und smarte Anwendungen dabei spielen und warum Digitalisierung für sie immer beim konkreten Nutzen für die Menschen beginnen muss.
Frau Hemsley, Digitalisierung ist ein großes Wort. Was bedeutet es für Sie persönlich – und warum haben Sie dieses Thema zu Ihrer politischen Herzensangelegenheit gemacht?
Digitalisierung ist für mich Haltung, nicht Hardware. In der Automobilindustrie durfte ich lernen, was Transformation wirklich bedeutet. Wandel kommt nicht von der Technik, sondern von Menschen, die bereit sind, diesen aktiv zu gestalten und nicht von der Seitenlinie zuschauen. Seit über drei Jahren darf ich genau das in einem viel größeren Feld tun, in der Stadt, der Verwaltung, bei den Bürgerinnen und Bürgern. Das ist nicht weniger als ein ganzes Ökosystem, und genau das macht es so reizvoll.
Digitalisierung ist mir Herzensangelegenheit, weil sie die größte Chance ist, die wir haben. Die Ressourcen wie Personal, Geld und Zeit werden knapper. Wer hier stehen bleibt, verliert. Wer aber mutig vorangeht, gewinnt Tempo und Spielraum. Digitalisierung ist für mich die Einladung, Dinge offen anzupacken, auszuprobieren und Menschen zu ermutigen sowie Veränderungen mutig zu begegnen. Sie bringt neue Perspektiven für Beschäftigte, Erleichterungen in Prozessen und die Möglichkeit, diese Prozesse auch einmal grundsätzlich zu hinterfragen. Sie entscheidet, ob Hanau in zehn Jahren noch vorn dabei ist.
Hanau verfolgt mit stadtwandel.digital ein klares Leitbild. Was steckt für Sie hinter diesem Begriff? Und wie hält man bei einem so großen Vorhaben Energie und Fokus?
Es ist kein Technikfahrplan, sondern ein Stadtentwicklungsprogramm. Sechs Handlungsfelder vom urbanen Leben bis zu Gesundheit und Soziales, dreizehn Leuchtturmprojekte, ein Zielbild 2030. Wir haben es auf die Hanauer Art geschrieben und ambitioniert und mutig auf unsere Stadt zugeschnitten. Energie und Fokus kommen nicht vom Schreibtisch, sondern von den Menschen vor Ort. Stadtwandel geht nur im Team. Er muss getragen werden, in der Unternehmung und von den Hanauerinnen und Hanauern. Deshalb rücken wir Menschen in den Vordergrund: innerhalb der Verwaltung, um Prozesse zu optimieren, zu hinterfragen, neue Themenfelder zu erschließen und Komplexität rauszunehmen. Jeden Tag frage ich mich: Bringt uns das weiter, bringt es den Menschen etwas? Wenn die Antwort nein ist, lassen wir es.
Das Zielbild ist klar: die vollständige Digitalisierung von Hanau bis 2030. Was muss bis dahin konkret passieren – und wo steht Hanau heute auf diesem Weg?
Das Fundament steht: Seit 2008 hat Hanau eine eigene IT, und seit Februar 2026 haben wir den Fachbereich Informationstechnologie neu aufgestellt und bauen derzeit die Stelle des Chief Digital Officer auf. Damit bündeln wir politische Steuerung, Controlling, Smart City, Datenmanagement und Organisationsentwicklung in einer Hand. Mein Ziel ist klar: die vollständige Digitalisierung der gesamten Unternehmung Stadt Hanau bis 2030. Vollständig heißt nicht papierlos um jeden Preis, sondern: was sinnvoll digital sein kann, wird es, und analog bleibt eine bewusste Entscheidung.
Ich will ehrlich sein: Das ist ein Kraftakt bei knapper werdenden Ressourcen, ob Humankapital oder finanzielle Spielräume. Genau darin liegt aber auch die Chance. Nur wenn wir jetzt intensiv in Digitalisierung investieren, werden wir den anderen Herausforderungen wie dem demografischen Wandel, technischer Komplexität und Künstliche Intelligenz standhalten. Digitalisierung ist nicht die Antwort auf alle Fragen, aber sie ist ein nicht zu unterschätzender Baustein, um in der Verwaltung, als Stadtgesellschaft und als Wirtschaftsstandort auch in Zukunft erfolgreich zu sein. Und ja, vieles überholt sich schnell. Gerade weil das so ist, müssen wir in Bewegung bleiben.
»Mein Ziel ist klar: die vollständige Digitalisierung der gesamten Unternehmung Stadt Hanau bis 2030. Vollständig heißt nicht papierlos um jeden Preis, sondern: was sinnvoll digital sein kann, wird es, und analog bleibt eine bewusste Entscheidung.«
Die Stadtwerke Hanau sind ein zentraler Partner in dieser Transformation. Wie erleben Sie die Zusammenarbeit – und wo ergänzen sich Stadt und Stadtwerke besonders gut?
Die Stadtwerke sind für mich ein wichtiger strategischer Partner in der Digitalisierung. Sie geben den Takt vor, weil sie vieles bereits umgesetzt haben, an das wir als Verwaltung erst noch anschließen müssen. Sie sind Best Practice und Impulsgeber zugleich.
Ein Beispiel ist LoRaWAN. Die Stadtwerke haben dieses Funknetz aufgebaut und betreiben es. Schon im ersten Schritt waren 13 Gateways am Start, weitere folgten. LoRaWAN ist die Grundvoraussetzung für fast alles, was wir an smarten Anwendungen aufbauen. „Kreuzung frei“ und der „Smarte Winterdienst“ laufen darüber, die sensorgestützte Pegelmessung im Trinkwassermanagement, künftig auch Luftqualität, Lärm oder Smart Parking. Ohne diese Infrastruktur der Stadtwerke müssten wir jede Anwendung einzeln neu erfinden. Dass ein kommunales Unternehmen diese Basis legt und sie der Stadt und Dritten als Dienstleistung anbietet, ist genau die Haltung, von der ich als Verwaltung lernen will.
Die Stadtwerke sind in den Lenkungsausschuss unserer Smart-City-Strategie eingebunden. Sie sind hierbei nicht nur beratend tätig, sondern unterstützen auch bei der Pilotierung von Einzelprojekten. Diese Partnerschaft ist für mich ein Vorbild für das, was ich in der ganzen Verwaltung will: verschiedene Stärken mit einem gemeinsamen Zielbild bündeln.
Die Stadt Hanau möchte bis 2040 klimaneutral sein. Wie können die Stadtwerke zur Erreichung dieses Ziels beitragen? Und welche Rolle spielt die Digitalisierung dabei?
Der Wärmesektor verursacht ein Drittel unserer Treibhausgasemissionen, deshalb ist die kommunale Wärmeplanung einer der wichtigsten strategischen Prozesse, die wir gerade angehen. Das Wärmeplanungsgesetz verpflichtet uns, den Plan bis Mitte 2026 vorzulegen. Die Kommission für Wärme und Klima, die wir 2023 ins Leben gerufen haben, bündelt dafür Stadtverwaltung, Stadtwerke, Hanau Netz und die Eigenbetriebe an einem Tisch. Genau diese verzahnte Arbeitsweise meine ich, wenn ich von neuer Führungskultur spreche.
Hier schließt sich der Kreis zur Digitalisierung. Unsere Rechenzentrumsstrategie, die die Stadtverordnetenversammlung 2021 beschlossen hat, ist nicht nur Wirtschaftsförderung, sondern ein Klimabeitrag. Nahe am weltgrößten Internetknoten DE-CIX in Frankfurt haben sich in wenigen Jahren gleich mehrere Rechenzentren in Hanau angesiedelt. Ihre Abwärme soll künftig ins Fernwärmenetz der Stadtwerke eingespeist werden.
Die Verzahnung mit der Smart-City-Strategie ist da, wo die Daten zusammenlaufen. Der digitale Zwilling des Fernwärmenetzes und die gemeinsame Datenplattform cosma21 machen die Energiewende messbar und steuerbar.
Digitalisierung und Nachhaltigkeit – Rechenzentren, Endgeräte, Energieverbrauch. Wie stellen Sie sicher, dass die Digitalisierung Hanau unter dem Strich wirklich nachhaltiger macht?
Digitalisierung ist nicht automatisch grün. Aber in Hanau haben wir uns vorgenommen, sie so zu gestalten, dass sie am Ende mehr Ressourcen spart, als sie verbraucht. Dafür haben wir Hebel in der Hand.
Die Rechenzentrumsstrategie der Stadt ist dafür ein gutes Beispiel. Wir haben 2021 beschlossen, die Ansiedlung von Rechenzentren aktiv und nachhaltig zu steuern. Die Betreiber verpflichten sich im städtebaulichen Vertrag zu reinem Ökostrom und orientieren sich am Blauen Engel für Rechenzentren. Was nicht lokal als Abwärme genutzt wird, fließt über eine Vereinbarung in einen lokalen Klimafonds. Wer digitale Infrastruktur nach Hanau bringt, muss also auch Verantwortung für den Energieverbrauch übernehmen. Die Abwärme der Rechenzentren wird künftig einen zentralen Beitrag zur Dekarbonisierung unserer Fernwärme leisten. Damit wird aus einem Verbraucher ein Lieferant.
Bei den Endgeräten setzen wir auf Lifecycle statt Wegwerfen. Geräte werden länger genutzt, die Beschaffung wird an Nachhaltigkeitskriterien ausgerichtet, und wo immer möglich ersetzen digitale Anwendungen physische Vorgänge. Wo Sensordaten Einsätze zielgenauer machen und Fahrten überflüssig werden, sinkt der Verbrauch von vorneherein.
Sie haben gemeinsam mit Ihrem Team ein Handbuch zur Künstlichen Intelligenz erstellt. Was hat Sie dazu bewogen, KI nicht einfach laufen zu lassen, sondern einen Leitfaden zu schaffen – und welche Leitplanken setzt er?
Weil Künstliche Intelligenz zu mächtig ist, um sie dem Zufall zu überlassen. Das Handbuch setzt die Leitplanken: Datenschutz und Datensouveränität stehen an erster Stelle. Dann kommt die Transparenz, damit die Menschen wissen, wenn sie mit KI interagieren. Außerdem bleibt der Mensch der Entscheider und es gibt keine Blackbox in sensiblen Bereichen. Über allem steht nicht das Verbot, sondern die Befähigung. Mir geht es dabei ganz besonders um die Medienkompetenz unserer Kolleginnen und Kollegen. KI darf kein exklusives Thema für Technikbegeisterte bleiben. Wir müssen Menschen befähigen, mit KI umzugehen, sie kritisch einzuordnen und für sich zu nutzen.
Bürgerinnen und Bürger sollen aktiv eingebunden werden – auch mit ihren Vorbehalten. Was war das kritischste Feedback, das Sie bisher bekommen haben? Und wie überzeugen Sie jemanden, der sagt: Das brauche ich nicht, das war früher auch gut so?
Es heißt, Digitalisierung schafft eine Zweiklassengesellschaft. Das trifft zu, und es ist berechtigt. Genau deshalb setzen wir insbesondere in der Bürgerkommunikation auf verschiedene Konzepte. Mit der Roadshow stadtwandel.digital haben wir den Bürgerinnen und Bürgern gezeigt, was innerhalb der Stadt bereits digitalisiert ist und welche Behördengänge sie sich sparen können, weil sie dies bereits bequem von der Couch erledigen können. Mit der Reihe „HUman x KI“ haben wir zu verschiedenen Themenfeldern mit Expertinnen und Experten über die Chancen und Herausforderungen diskutiert. Im Ergebnis geht es uns bei all unserem Wirken darum, die Menschen mitzunehmen, sie im besten Fall zu begeistern und zu überzeugen, sich darauf einzulassen. Das alles ist eine Einladung. Wir akzeptieren auch, wenn sich Menschen bewusst für den Besuch im Bürgerservice etc. entscheiden, auch das wird es künftig weiterhin geben. Kein Mensch soll und darf abgehängt werden.
»Am meisten begeistert mich, dass wir die Menschen mitnehmen und mittlerweile keine Woche vergeht, wo nicht ein Kollege oder ein Bürger auf mich zukommt, und mir sagt: „Mensch, hier bewegt sich ja langsam wirklich etwas in dem Thema“.«
Worauf sind Sie stolz, wenn Sie auf die bisherigen Schritte zurückblicken?
Dass unser Leitbild stadtwandel.digital nicht in eine Schublade gesteckt wurde, sondern lebt und sich fortlaufend weiterentwickelt. Ich schaue aber auch mit ein wenig Stolz auf unsere bewilligten Förderbescheide zu „Smart Rescue“, „Kreuzung frei“ und „Smarter Winterdienst“, die vom Land Hessen mit insgesamt mehr als 3 Millionen Euro gefördert werden und damit diese Projekte auch wirklich zur Umsetzung bringen.
Am meisten begeistert mich allerdings, dass wir die Menschen mitnehmen und mittlerweile keine Woche vergeht, wo nicht ein Kollege oder ein Bürger auf mich zukommt, und mir sagt: „Mensch, hier bewegt sich ja langsam wirklich etwas in dem Thema“ oder „Ich freue mich, dass ich auch ein Teil dieses Prozesses sein darf“. Nur so gelingt diese Transformation und es ist schön zu sehen, dass die Menschen daran glauben, uns Vertrauen schenken und gleichzeitig eine Erwartungshaltung an uns haben. So soll auch der weitere Weg sein. Wir schaffen gerade die Grundlagen für eine neue Führungskultur, die zu wachsen beginnt: dass wir ausprobieren dürfen, dass Fehler erlaubt sind, dass Menschen sich trauen, Dinge anzusprechen und neu zu denken.
Wie sieht Hanau 2030 aus, wenn alles nach Plan läuft?
Wir sehen eine Stadt, in der man Behördengänge von der Couch erledigt und das Rathaus trotzdem ein menschlicher Ort bleibt. Eine Stadt, die sich durch kurze Wege auszeichnet, die das Leben auch durch die Nutzung von digitalen Instrumenten einfacher macht, aber dennoch die Teilhabe für alle Generationen sicherstellt.
Letztlich, dass wir Hanauerinnen und Hanauer diejenigen sind, die für und in unserer Stadt arbeiten und leben und dabei weiterhin ihre ganz eigene Hanau DNA behalten: selbstbewusst, bodenständig, mutig und gemeinschaftlich.
Vervollständigen Sie bitte diesen Satz: „Digitalisierung ist für mich kein Technikthema, sondern …"
… eine Frage von Haltung und Verantwortung für die Menschen in meiner Stadt.