Der Lonely Rider von Grünberg
Wie ein Landwirt dem Boden neue Kraft gibt – und so auch
die Stadtwerke unterstützt
Ein gesunder Boden ist Lebensraum, Speicher, Regler und Fundament unserer Ernährung. In Zeiten von Hitzesommern und Starkregen zeigt sich, wie abhängig wir von ihm sind – und wie wichtig es ist, ihn und somit auch die Natur zu schützen und dem Klimawandel entgegenzuwirken. Entsprechend viel wird zurzeit über nachhaltige Landwirtschaft gesprochen.
Oliver Jung aus Grünberg in Mittelhessen ist einer derjenigen, der auch handelt und sich dem Thema mit voller Leidenschaft verschrieben hat. Der Grund ist denkbar einfach: Er hat sich selbst davon überzeugt, dass sie der Zukunftsweg ist. Die Kooperation mit Klim, dem „Experten für die Förderung und Umsetzung der regenerativen Landwirtschaft“, ist für ihn also der folgerichtige Schritt.
Ein Unternehmer mit Erde unter den Fingernägeln.
Wenn Oliver Jung morgens über seine Felder streift, weiß er oft noch nicht so genau, wie sein Tag aussehen wird. Mal prüft er die Feuchtigkeit der Maiskolben, mal kontrolliert er die Zwischenfrucht, mal zieht er neue Bodenproben. Dabei sieht er Dinge, die anderen entgehen: feine Risse in der Krume, die Struktur eines Wurzelballens, die Farbe trocknender Blätter. Er spricht über die Pflanzen, als wären sie seine Weggefährten. „Ich muss sie verstehen“, sagt er, „sonst können sie nicht wachsen.“
Jung ist gelernter Agrartechniker und Geschäftsführer eines landwirtschaftlichen Lohnunternehmens, das für andere Betriebe in Mittelhessen als Dienstleister arbeitet – und Feldarbeiten wie Pflanzung, Ernte oder Pflege übernimmt. Dabei nutzt er den eigenen Fuhrpark. Maschinen, die für andere im Alleingang kaum zu finanzieren wären. Schließlich kostet ein Mähdrescher um die 500.000 Euro.
»Ich muss die Pflanzen verstehen, sonst können sie nicht wachsen.«
Aber sein Verantwortungsbereich reicht weiter. So leitet Jung die Bauernland KG, einen Zusammenschluss aus elf Betrieben, die zusammen über 500 Hektar Land bewirtschaften, darunter auch sein eigenes. Was alle eint, ist das Modell: Sie handeln gemeinsam und teilen sich die Verantwortung. „Bei der Gründung 2007 war der Hauptgedanke, die Landwirte an der Landwirtschaft teilhaben lassen zu können, die sonst aufgehört hätten“. Konkret heißt das, dass sie weiterhin Land besitzen und damit ordentliche Erträge erzielen – und zwar mehr, als sie über eine klassische Pacht bekommen würden. „Das Tolle ist dabei: Ich kann die Felder so bewirtschaften, wie ich es für richtig halte.“
Seit 2007 führt er das Unternehmen, das er mit fünf Gesellschaftern gegründet hat. Heute gehört es zu den größten Betrieben der Region, ungefähr dreißig Kilometer rund um Grünberg. Dabei steht hinter der Größe kein Großagrarier. Im Gegenteil: Oliver Jung ist einer von wenigen, die ganz genau beobachten, was sie tun. Einer, der genau hinschaut, was er in seinen Händen hält.
Der Punkt, an dem alles kippte.
Ganz am Anfang arbeitete Jung rein konventionell. So, wie fast 95 Prozent aller Landwirte. Dank Mulchsaat, Mineraldünger und Pflanzenschutz nach Bedarf waren die Erträge solide, wenn auch der Aufwand hoch war. Als 2018 dann der Regen ausblieb und das Jahr zu einem der trockensten seiner Laufbahn wurde, blieb der Boden hart und die Ernte mehr oder weniger aus.
„Ich dachte mir: Du gibst so viel Geld aus, machst und tust – und trotzdem gehen die Erträge zurück. An diesem System ist was falsch.“ Genau dieser Gedanke war Aha-Moment und Wendepunkt in einem. Jung begann zu forschen, las landwirtschaftliche Studien, entdeckte Online‑Foren und schaute sich Videos auf Youtube und in den sozialen Netzwerken an. Immer ging es um dasselbe Prinzip: den Boden als lebendiges System zu verstehen und zu behandeln.
Sein erster Versuch begann improvisiert – mit einem ausrangierten Kunststoffcontainer, etwas Kompost und einem Aquarium‑Belüfter. Innerhalb von 24 Stunden stellte er daraus Komposttee her, ein mikrobielles Elixier, das Pflanzen stärkt und Krankheiten vorbeugt. Er sprühte es auf einen Teststreifen seines Feldes und stellte irgendwann fest: Die Wurzeln waren dicker, heller und somit robuster. „Ich weiß noch, wie ich da auf dem Acker stand und dachte ‚Es funktioniert, also kann es nur richtig sein.‘“
So wurden aus einem Experiment aufrichtige Überzeugung und die regenerative Landwirtschaft zu seinem Weg.
»Eine Aussaat mit dem Wissen, etwas Gutes zu ernten. Neue Ideen auszutüfteln, auszuprobieren und schlussendlich in die Tat umzusetzen – das macht mir enorm viel Spaß.«
Eine Leidenschaft ohne Phrasendrescherei.
Für Oliver Jung ist Landwirtschaft Kopf- und Handarbeit zugleich. Er wirkt nüchtern, wenn er über biologische Prozesse spricht, auch wenn seine Begeisterung spürbar ist. Die leuchtet nämlich in seinem Blick. „Ich liebe das Einfache“, sagt er. „Eine Aussaat mit dem Wissen, etwas Gutes zu ernten. Neue Ideen auszutüfteln, auszuprobieren und schlussendlich in die Tat umzusetzen – das macht mir enorm viel Spaß.“
Dabei betrachtet er „seine“ Pflanzen stets mit der Fürsorge eines Technikers, der auf jedes Detail achtet. „Ein Weizen braucht 27 Nährstoffe, um gesund zu sein“, weiß er. „Die meisten Bauern denken nur an drei: Stickstoff, Phosphor, Kalium. Ich füttere meine Pflanzen lieber richtig, weil ich will, dass sie von sich aus stark und nicht abhängig von Pflanzenschutzmitteln sind.“ Wenn die Blattläuse-Saison im Frühsommer bevorsteht, bleibt er entsprechend ruhig. „Wenn ihr Stoffwechsel stimmt, haben sie keine einfachen Zuckerverbindungen – und die Läuse verlieren das Interesse.“
Bei dem, was er tut, braucht er niemanden, der ihm erklärt, wie er wirtschaften soll. Er vertraut sich und seiner Erfahrung. Mit seinem Ansatz der regenerativen Landwirtschaft steht er allerdings im Umkreis allein auf weiter Flur. „Bauern sind Bauern. Wenn sie etwas Gutes sehen, sagen sie nichts. Wenn sie etwas Schlechtes sehen, wird’s lebendig am Stammtisch.“ Schon 2019 legte er mehrjährige Blühstreifen an. Niemand kam, um es zu würdigen. Auch nicht der NABU. „Die haben wahrscheinlich andere Themen.“
So nennt er sich selbst einen Lonely Rider. Das hat sicherlich nichts mit Eitelkeit zu tun, sondern beschreibt einfach nur seine Realität. „Ich will niemanden bekehren. Wer an meiner Erfahrung teilhaben möchte, bekommt Antworten. Wer nicht, nicht“, fasst Jung, fast schon resigniert, zusammen.
Humus und CO₂
Humus speichert Kohlenstoff. Dabei gilt die Faustformel:
1 Teil Kohlenstoff = 3,67 Teile CO₂
Heißt:
Je mehr Humus, desto mehr Kohlenstoff, bedeutet mehr als dreimal so viel CO₂.
Wie viel der Boden tatsächlich bindet, hängt dabei von seiner Tiefe, Dichte und Struktur ab. Die Berechnung mit der Faustformel ist also nur ein Näherungswert.
Wichtig bleibt aber die Botschaft:
Humusaufbau entzieht der Atmosphäre CO₂ und bindet ihn im Boden – und macht diesen somit sehr viel fruchtbarer.
Wenn der Boden Antworten schenkt.
Seine Haltung ist klar. Nachhaltigkeit ist für ihn kein Schlagwort, sondern Rahmenbedingung seiner Arbeit. „Der Klimawandel ist da und wir müssen uns drauf einstellen. Ob menschengemacht oder nicht.“ Die Antwort ist für ihn deshalb auch: Humusaufbau. Weil mehr Humus mehr Wasserbindung, somit mehr Fruchtbarkeit und entsprechend auch mehr Leben im Boden bedeutet. So ermöglicht eine Erhöhung des Humusgehalts um ein Prozent, pro Quadratmeter Boden zwischen 20 bis 40 Liter zusätzliches Wasser pflanzenverfügbar zu speichern. Für einen Hektar Boden, also 10.000 m², entspricht das also umgerechnet einem zusätzlichen Wasserspeichervermögen von bis zu 400.000 Litern.
Mit seinem Boden schaffte Jung es in den letzten Jahren auf eine Humussteigerung von 0,5 Prozent. „Dabei wird mit jeder Bodenbearbeitung wieder Humus verbrannt“, erklärt er. Aus dem Grund arbeitet er auch mit Direktsaat, lässt den Boden in Ruhe und schützt ihn durch Pflanzenreste. Zwischenfrüchte, die im Winter abfrieren, decken den Boden ab, schützen ihn vor Erosion und fördern Mikroorganismen.
„Ich arbeite mit dem, was da ist. Der Boden kann so viel, wenn man ihn lässt.“ Seine Felder sind Versuchslabore im besten Sinn: dank Beobachtung, Anpassung und Wiederholung. Dabei bringt jede Saison neue Erkenntnisse.
Die Partnerschaft mit Klim und den Stadtwerken Hanau.
2022 trat er dann an die Klim GmbH heran. Das Berliner Unternehmen begleitet Landwirte, die regenerativ wirtschaften, und übersetzt deren Arbeit in messbare Klimawirkung. Humusgehalt, Kohlenstoffspeicher, Wasserhaltevermögen – aus all dem berechnet Klim regionale Zertifikate. Diese wiederum erwerben Unternehmen, die ihre CO2‑Bilanz verbessern wollen. Darunter sind auch die Stadtwerke Hanau, die gezielt auf Partner in der Landwirtschaft setzen. So kann man sagen, trägt der Boden in Grünberg zu einer besseren Klimabilanz in Hanau bei.
Für Jung ist das keine Umstellung, sondern eine Bestätigung. „Es ist schön, wenn das, was man aus Überzeugung macht, in irgendeiner Art wertgeschätzt wird.“ Und auch wenn die finanzielle Entlohnung nicht sehr hoch ist, so spielt sie doch eine Rolle. Schließlich belohnt sie Wege, die pro Natur sind und von so vielen mehr gegangen werden könnten. Hierfür misst Jung dann auch regelmäßig den Humusgehalt seiner Böden inklusive spezieller Laborproben. „Ich sehe, dass der Wert steigt. Das ist wunderbar.“
Der räumliche Abstand zu Hanau stört ihn dabei nicht. „Ob mein Feld hier ist oder 50 Kilometer weiter, der Effekt bleibt gleich. Hauptsache, der Kohlenstoff bleibt im Boden.“
So funktioniert das Klim‑Zertifizierungsverfahren:
Klim begleitet Landwirtinnen und Landwirte, die Humus aufbauen – also organische Substanz im Boden, die Kohlenstoff bindet.
Dieser Kohlenstoff wird in CO₂ umgerechnet und jährlich überprüft.
Je nach Menge erhalten die Betriebe Zertifikate, die regionale Unternehmen wie die Stadtwerke Hanau erwerben.
Jedes Projekt stärkt so zwei Systeme gleichzeitig: den Boden und das Klima.
Kritik trotz bestem Wissen und Gewissen.
Natürlich hört er immer mal wieder, dass Programme wie diese Marketing seien. „Greenwashing, klar, das höre ich manchmal. Aber mal ehrlich: Wer das sagt, versteht nicht, wie ein Boden funktioniert.“ Für ihn ist Klima Alltag, kein Rechenmodell. Wenn seine Felder nach einem Regenguss anders riechen, wenn der Lehm nicht in der Sonne reißt, dann weiß er, dass die Mikrobiologie arbeitet – und dass das, was er macht, Sinn ergibt. Genau das ist dann auch sein Maßstab, keine Excel‑Tabelle.
„Ich bin nicht bio-zertifiziert, glaube aber, dass ich meinen Boden besser im Griff habe als so mancher Biobetrieb“, sagt er – und meint das nicht angriffslustig, sondern beobachtend. Was ihn dann schon ärgert, ist, dass er oft Vorwürfe hört, wenn über Landwirtschaft im Allgemeinen gesprochen wird. Zu viel Dünger, zu wenig Nachhaltigkeit, heißt es. Für ihn ist die Wahrheit nämlich komplexer: „Ja, ich nutze auch Herbizide. Weil ich aber nicht will, dass meine Pflanzen leiden, schaue ich, dass sie gar nicht erst krank werden. Dann brauche ich auch keine beziehungsweise weniger Chemie.“
»Meine Pflanzen würden sich freuen, dass sie unter meiner Hand wachsen dürfen. Dass sie gesünder sind als die vom Nachbarn. Sie würden Danke sagen.«
Seine Zukunftsvisionen.
Seine Landwirtschaft von morgen? Oliver Jung macht keine großen Pläne. Er denkt in Wachstumszyklen anstatt in Trends. Dabei ist sein Wunsch einfach: Seine Arbeit soll gesehen und nachgeahmt werden. „Ich sehe täglich, dass alles wächst. Dass es auch ohne Chemie funktioniert. Aber es interessiert kaum jemanden.“ Trotzdem bleibt er dabei. Seine Motivation ist nämlich nicht Überzeugungsarbeit, sondern seine eigene Freude. „Ich liebe es, die Entwicklung zu beobachten. Zu wissen, dass der Boden besser wird als vorher. Das ist für mich Fortschritt.“
Wenn er zum Schluss gefragt wird, was „seine“ Pflanzen über ihn sagen würden, antwortet er, ohne lange nachzudenken: „Sie würden sich freuen, dass sie unter meiner Hand wachsen dürfen. Dass sie gesünder sind als die vom Nachbarn. Sie würden Danke sagen.“
Man glaubt ihm jedes Wort.